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Veränderung braucht Emotionen

Neulich an einem sonnigen Vorfrühlingsmorgen begegnete mir beim Bummel mit meiner Tochter in Göttingens Innenstadt unweit des berühmten Gänselieselbrunnens der Mann auf dem Foto. Sofort hatte er meine ungeteilte Aufmerksamkeit und löste in mir verschiedenste Reaktion aus: Irritation, Neugier, Interesse, Verwunderung. Auch ein wenig Angst und Abscheu waren dabei. Ich erinnere mich, dass ich das Schild, das der Mann über seinen Kopf hielt, die Erklärung für seine Verkleidung, zunächst nicht sehen konnte, da er mir etwas abgewandt stand, was mich sowohl zu den verschiedenen emotionalen Reaktionen als auch im Interesse der Aufklärung zu verschiedenen Hypothesen anspornte: Eine Werbeaktion für die nicht unumstrittene Ausstellung „Körperwelten“? Ein nerdiger Medizinstudent? Als ich dann beim Weitergehen das Schild lesen konnte, war mir natürlich sofort klar, worum es hier ging und der Anspannung folgte Erleichterung, Schmunzeln und Zustimmung.

Warum ist es mir wert, von dieser Episode zu erzählen? Neben dem durchaus nachvollziehbaren politischen Anliegen des Mannes, faszinierten mich die, an mir selbst wahrgenommenen Reaktionen. Eine überraschende, starke emotionale Verstörung, gekoppelt mit Irritation und Neugier, ein starker Drang, das Unverständliche aufzuklären. Und während ich mit meiner ebenso verstörten Tochter an der Hand weiterlief, sagte ich spontan zu ihr: „Eine interessante Aktion: wäre der Mann nicht verkleidet gewesen, sondern hätte nur das Schild hochgehalten, hätten wir ihn wahrscheinlich jetzt schon wieder vergessen“.

An diesem Beispiel wird wieder einmal auf drastische Weise erfahrbar, wieviel Lernen und Veränderung mit Emotionen zu tun haben: Emotional aktivierende Prozesse und Lernumfelder regen das Gehirn mehr an und bleiben nachhaltiger im Gedächtnis.

Die Begleitung von Lernen und Veränderung sind für mich als Coach und Trainer von zentraler Bedeutung. Nun könnte man erwidern: alles schon bekannt, das hat schon Grawe (2004) in seinem Buch Neuropsychotherapie beschrieben, das konnte man sogar schon früher bei Staemmler und Bock (1987) in ihren Beschreibungen zu den Wirkmechanismen von Veränderung allgemein und denen der Gestalttherapie im Besonderen nachlesen, die explizit auf Veränderung im Hier und Jetzt, also im Kontext erlebbarer Emotionen ausgerichtet ist. Auch heutige Erkenntnisse in den Neurowissenschaften bestätigen die Untrennbarkeit von Emotion und Ratio in der Funktionsweise des Gehirns.

Und dennoch, auch dieses „Buchwissen“ ist eben nur kognitives und nicht erlebtes Wissen. Bis heute neigen wir im Bereich des Trainings und des Coachings, ja auch der Psychotherapie dazu, uns weniger Gedanken darüber zu machen, wie ein Veränderungssetting so gestaltet werden kann, dass es für den Kunden oder Klienten eine eindrückliche emotionale Erfahrung wird. Drüber reden, kluge und rationale Lösungsansätze zu finden ist hoch im Kurs, was im Businesskontext, also in der Welt der klugen, vernünftigen und ziel- und ergebnisorientierten Köpfe(!) nicht verwunderlich ist. Hier besteht aber das Risiko, die Kund*innen mit dem zu bedienen, was sie sich wünschen, um sich gut zu „fühlen“. Aber nicht immer ist das, was der Kunde sich wünscht auch das, was er braucht. Der Wunsch kann genauso gut der unbewussten Vermeidung von Lernen und Veränderung dienen, wie dem Wunsch nach Lernen und Veränderung selbst.

Als Veränderungsmanager*in, sei es als Coach, Trainer oder Psychotherapeut brauchen wir also die Kompetenz, das Gespür und den Mut, den Aspekt der Emotionen aktiv in das Veränderungsgeschehen einzubringen und Gefühltes wie nicht Gefühltes zu (er-)kennen und einzubeziehen, eben Kopf und Bauch anzusprechen.

Das hat mir die persönliche Erfahrung an jenem Samstagmorgen noch einmal sehr deutlich vor Augen geführt. Und der Pelz bleibt da, wo er hingehört.

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