Coaching: Beratung oder Psychotherapie? – Ein Kommentar aus der Praxis

in: Psychotherapeutenjournal, 11. Jahrgang, 4/2012, S. 330-331

20 Jahre Patienten, 10 Jahre Coachees. Über Erfahrung verfügend mit den Zielgruppen beider Professionen, Psychotherapie und Coaching, möchte ich mich hiermit zur Diskussion, ob Coaching Beratung oder Psychotherapie sei, mit einem Kommentar aus der Praxis einbringen. Vorweggenommen sei folgendes: Ja, die beiden Berufsfelder eines Coaches und des Therapeuten weisen mehr Unterschiede als Gemeinsamkeiten auf und: Nein, ohne ein hohes Maß an Feldkompetenz ist eine erfolgreiche Tätigkeit als Coach in der Wirtschaft nicht möglich.

Zunächst zum Vergleich der beiden Professionen. Unbestritten, dass als dialogisches, beziehungsorientiertes Beratungsformat das Coaching der Psychotherapie ähnelt. So kommen einem Coach mit psychotherapeutischer Zusatzqualifikation seine Kompetenzen in der Beziehungsgestaltung mit seinem Coachee zu Gute. Außerdem werden im Coaching bei bestimmten Fragestellungen Methoden aus der Psychotherapie entlehnt. Das trifft vor allem auf erlebnis- und handlungsorientierte Arbeitsformen aus dem Bereich der humanistischen Psychotherapie zu, wie Schreyögg ausführlich darstellt[1]. Insofern gibt es in der Qualifikation Psychotherapie Kompetenzen und Handwerkszeuge, die im Coaching von Nutzen sind – allerdings erwarte ich, dass diese Fähigkeiten neben der Fähigkeit zur professionellen Beziehungsgestaltung in fundierten Coachingausbildungen ebenfalls vermittelt werden.

Darüber hinaus kann klinisches Wissen in manch einem Fall helfen, die Grenzen vom Coachingauftrag zur Indikation von Psychotherapie zu erfassen und dies entsprechend zu kommunizieren.

Als Praktiker in beiden Berufsfeldern sehe ich jedoch mittlerweile deutlich mehr Unterschiede als Gemeinsamkeiten. Hier sei zunächst die Auftragsklärung genannt: Ein Auftrag im Rahmen einer Psychotherapie erfolgt in der Beziehung zwischen Therapeut und Klient. Die Krankenversicherung als finanzierende Institution dieser Dienstleistung bleibt bei diesem Vorgang weitestgehend anonym, der Wert einer Therapie für den Klienten unerheblich. Bei der Auftragsklärung im Rahmen eines Coachings hingegen haben wir es, mit Ausnahme des Top-Management-Coachings, mit einer Dreiecksbeziehung „Coachee-Coach-Unternehmen“ zu tun. Ein Auftrag erfordert demzufolge unbedingte Transparenz über teils unterschiedliche und oftmals nicht sofort erkennbare Interessenlagen: die des Coachee und die des Unternehmens. Letzteres wird meist vertreten durch die Personalentwicklung/-abteilung. Deshalb sind es gerade die Personaler, die von Coaches mit einem zusätzlichen psychotherapeutischen Hintergrund eine klare Positionierung des professionellen Selbstverständnisses fordern. Dahinter steckt die berechtigte Sorge, dass ein Coach mit einem unklaren Rollenverständnis hinter verschlossenen Türen mit seinem Coachee auf ein psychotherapeutisches Parkett wechselt. Im schlimmsten Fall könnte es dabei nämlich zu einer unproduktiven Verbrüderung der beiden gegen die Interessen des Unternehmens kommen, analog dem hinlänglich bekannten Konzept der ‚Täter-Opfer-Retter-Dynamik’ aus der Transaktionsanalyse.

Zudem bedarf es für die erfolgreiche Ausübung der Tätigkeit als Coach in der Wirtschaft eine gehörige Feldkompetenz. Dabei meine ich weniger Branchenerfahrung als vielmehr Kompetenz auf dem Gebiet des Führens komplexer Organisationen und des strategischen Managements, Erfahrungen mit mikropolitischen Dynamiken von Beziehungsgestaltungen in einer hierarchisch geführten Organisation. Dies alles ist unerlässlich, um die berufliche Lebenswelt des Coachees zu verstehen und ihn zu unterstützen. Andernfalls bewahrheitet sich die Befürchtung der Personaler und der Coach läuft Gefahr, aus einem Coachinganliegen eine individuelle psychotherapeutische Fragestellung zu machen. Betriebs- und volkswirtschaftliche Kenntnisse sind insofern meiner Meinung nach unabdingbar.

Ein mit Feldkompetenz in Zusammenhang stehender Unterschied zwischen den beiden Professionen betrifft den Rahmen, in dem sie agieren: Psychotherapie findet im planwirtschaftlich geführten Gesundheitssystem statt. So ist der Psychotherapeut nicht wirklich Freiberufler oder Unternehmer, sondern vielmehr (im wahrsten Sinne) „Schein“-selbstständiger Angestellter der Kassenärztliche Vereinigungen und der Krankenkassen. Der Coachingmarkt hingegen funktioniert nach den gleichen Wettbewerbsregeln wie die Wirtschaft selbst, fordert unternehmerisches Denken und Handeln und trägt dementsprechend dazu bei, dass sich Coach und Coachee auf Augenhöhe begegnen.

Dieses Unterscheidungsmerkmal zeigt sich auch in der Honorarrealität der beiden Berufsfelder: Das Honorar eines Psychotherapeuten ist im Rahmen der Gebührenordnung festgelegt. Seine Höhe, Aufwand und Ertrag der ausgeübten Tätigkeit wird zentral und verbindlich festgesetzt und folgt somit einer planwirtschaftlichen Logik.

In die Honorargestaltung eines Coachs fließen indes betriebswirtschaftliche und psychologische Aspekte ein: Neben dem eigentlichen zeitlichen Aufwand für die Coachingtätigkeit u. a. die Betriebskosten für das eigene Beratungsunternehmen. Ferner steht das Coaching-Honorar im Verhältnis zum Return on Investment für das beauftragende Unternehmen. Schließlich investiert letzteres mit dieser Form von Dienstleistung in hochdotierte Führungskräfte und Manager mit dem Ziel, den Unternehmenserfolg zu vergrößern. Im Top-Management-Coaching wird, psychologisch gesehen, die Beziehung zwischen Coach und Coachee durch die Höhe des Honorars mitdefiniert: Ein Coach mit hohem Marktwert ist auch ein kostspieliger Coach und damit dem Topmanager in dessen Augen ebenbürtig.

Für mich wird deutlich: Die Grenzen der beruflichen Identitäten von Coaching und Psychotherapie sollten von Praktizierenden beider Professionen hinreichend geklärt sein. Nur so kann sichergestellt werden, dass Coaching eine eigenständige Dienstleistung mit echtem Mehrwert bleibt.

Dipl.-Psych. Christoph Burkhardt

Göttingen

[1] Schreyögg Astrid, Coaching – Eine Einführung in Praxis und Ausbildung. Campus 6., überarbeitete und erweiterte

Auflage 2003