Erdinger Coaching-Kongress 25.-26.02.2016 Coaching heute: Zwischen Königsweg und Irrweg

Erding ist nicht nur bekannt für seinen Flughafen „Franz Joseph Strauß“ (MUC) und sein (von mir bevorzugtes) alkoholfreies, isotonisches Sportgetränk. Das Städtchen war am 25. und 26.02.2016 zum wiederholten Mal der Austragungsort des Coaching-Kongress der Hochschule für angewandtes Management. In der Stadthalle, in einem sehr ansprechenden Ambiente trafen sich Coaches, Coachees und Firmenvertreter, um sich zwei Tage lang zum Thema „Digitale Medien im Coaching“ inspirieren zu lassen und auszutauschen.

Um mein persöniches Fazit vorwegzunehmen: ich kam als eingefleischter „analoger Beratungs-Dinosaurier“ („digitales Coaching ohne ganzheitlichen Kundenkontakt, das geht doch gar nicht!“) und beendete den Kongress neugierig geworden und dem digitalen Wandel gegenüber aufgeschlossener gestimmt, somit hoffentlich nicht mehr der vom Aussterben bedrohten Coachinggattung angehörig.

Zwei zentrale Fragestellungen durchzogen den Kongress: Die eine war: geht digitale, quasi virtuelle Kommunikation im Coaching überhaupt und wenn ja, wie? Die andere war: Wie könnte Coaching mit digitalen Medien konkret aussehen und wie lassen sich diese Neuerungen technisch umsetzen, ja sogar neue Möglichkeiten und Chance nutzen?

Antworten auf die erste Frage gingen in die Richtung, dass digitale Kommunikation im Coaching durch die herkömmliche Brille betrachtet natürlich anders, gewissermaßen auch eingeschränkter ist als analoge, dass aber unter Anerkennung dieser Grenzen und gleichzeitiger Berücksichtigung des veränderten Settings, den Einschränkungen durchaus begegnet werden kann. Mit dem Telefoncoaching vertraute Teilnehmer konnten zum Beispiel berichten, dass im Telefoncoaching im Vergleich zum Präsenzcoaching durch Wegfall von Ablenkung oder sozialem understatement eine fokussiertere Arbeitsatmosphäre entstehen kann und die  Fokussierung auf den „akkustischen Kanal“ auch eine besondere Form der intuitiven Effizienz erzeugt. Überzeugend für mich war hier vor allem das Argument, dass auch blinde Menschen erfolgreich coachen können und es für den Sehenden vermutlich lediglich einer besonderen Form der Übung bedarf, damit Telefoncoaching in die Reihen der Königswege eingang finden kann. Nimmt man dann noch die Vorteile der wegfallenden Reisezeiten und -kosten und möglicherweise auch einer flexibleren Terminplanung hinzu, dann kann Telefoncoaching mindestens als interessante Ergänzung zum Präsenzcoaching gesehen werden.

Ein weiteres Argument war, dass die Usability digitaler Menschen von der nachrückenden Generation durchaus beherrscht und bereits akzeptiert wird und somit in der Zukunft ein leichterer und selbstverständicher Umgang mit diesem Medium zu erwarten ist. Ich vermute allerdings, dass auch in Zukunft zu unterscheiden sein wird, für welches Coachingthema welches Beratungssetting das angemessenere ist. Sehr persönliche, persönlichkeitsentwicklungsnahe, emotionale Themen aus dem bereich Führung werden wohl weniger leicht Einzug in das digitale Coaching halten, wohingegen Themen des Selbstmanagement, der Konfliktklärung oder der Karriereplanung dafür besser geeignet sind. Claas Triebel machte in seiner Keynote sehr anschaulich, wie analog zur Ausdifferenzierung von Produkten und Märkten anhand von Digitalisierung in „Massenware“ oder „Luxusgüter“ eine Differenzierung von Coaching stattfinden könnte: Hier das high-end Coaching für Selbstreflexion, Sparing und Feedback in analogform für das Top Management und da das leichter zugängliche digitale Coaching für gezielte thematische Fragestellungen im Managementalltag. Immerhin eine mögliche Vision.

Die Antworten auf die zweite Frage hielten einige spannende Ideen bereit. Besonders spannend fand ich die beiden Internetplattformen cai-world.com und proreal.co.uk, zwei unterschiedliche digitale Plattformen, über die Coach und Coachee im virtuellen Raum miteinander arbeiten können. Ersteres ist zusätzlich zur audiovisuellen Kommunikation über Headset und Kamera eher textbasiert, letzteres arbeitet in einem virtuellen visuellen 3D-Raum mit Avataren. Vorzug beider Medien ist, dass mit Ende des Session immer auch ein Sitzungsprotokoll vorliegt, da jeder Schritt „getrackt“ wird. Während cai tatsächlich eher textlastig ist, lebt proreal, wie der Name bereits suggeriert, von einer realitätsnahen virtuellen Umgebung und bemüht sich, dem analogen Arbeiten nahe zu kommen.

Nachteilig bei beiden Plattformen empfinde ich auf den ersten Blick, dass sie ein schematisches Vorgehen im Coaching durch zwar individuell anpassbare aber dennoch modulare Prozessschritte im Coaching eher fördern, was für den individuellen und kreativen Stil meiner Arbeitsweise als Coach eher hinderlich ist. Um das aber abschließend beurteilen zu können, muss ich erst noch tiefer in die Materie einsteigen. Zusätzlich bieten beide Plattformen einen reichhaltigen Werkzeugkasten, mit dem man digital Aufstellungen, Soziogramm, Skizzen, emotional aufgeladene Bilder und mehr für die klärende und erlebnisaktivierende Arbeit nutzen kann.

Darüber hinaus wurde auch viel konstruktiv und kontrovers über Themen diskutiert wie z.B. Vertraulichkeit und Datenschutz bei der Arbeit über das Internet oder neue Honorierungsmodelle bei virtueller Arbeit.

Besondere und gesonderte Erwähnung soll die Abschluss-Keynote von Klaus Eidenschink aus München finden. Er begeisterte die Teilnehmerinnen und Teilnehmer mit seinem Vortrag: „Was bedeutet Methodenintegration? Über das anspruchsvolle Wandeln jenseits von Königs- und Irrwegen.“ Hierzu  melde ich mich in einem weiteren Blog-Beitrag.

Alles in allem ein excellent organisierter Kongress mit Vielseitigkeit, Inspiration, tollen Referentinnen Beiträgen und Referenten und ebenso tollen Teilnehmerinnen und Teilnehmern.

Nach einer persönlichen Prüfungsphase werde ich für Burkhardt COACHiNG entscheiden, inwiefern ich die neuen Medien und Beratungsformate in mein Portfolio aufnehmen werde.

Haben Sie eine anregende Meinung, Idee oder eigene Erfahrungen zu dem Thema? Dann schreiben Sie mir gerne.

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